Onkel Robert.

In unserem Haus wohnte noch ein Bruder meiner Mutter, Robert Schleppi. Er war ein alter Junggeselle. Seine Braut, Frieda Zenglein, starb an Bauchfellentzündung kurz vor der Heirat, danach ist er ledig geblieben. Er hatte Rechte an Haus und Land - ihm gehörte die Hälfte von allem - und half auch in der Landwirtschaft. Er wollte aber immer sein eigener Herr sein. Geboren war er am 2. November 1875. Wir Kinder mußten ihn Robert rufen, Onkel wollte er nicht hören, also blieb er für uns der Robert bis zu seinem Tod.

Er hatte sein Schlafzimmer in dem früheren Büro meines Ur-Urgroßvaters, der Bürgermeister gewesen war. Dessen alter Schreibtisch blieb im "Berro", so nannten wir das Zimmer, bis in die jüngste Zeit erhalten. Im Zimmer von Onkel Robert standen außerdem noch ein Bett, ein Kleiderschrank, ein Nachtschränkchen und ein Sessel. Auch der "Daniel", der Nachttopf durfte nicht fehlen. Ein kleiner Windofen sorgte für die nötige Wärme im Winter. Die Dielen waren aus breitem Holz, zum Teil wie gewachsen. Hinter der Tür hing an der "Zabbeleischt" immer ein Handtuch, denn Onkel Robert wusch sich jeden Morgen, im Sommer wie im Winter, am Brunnen in unserem Hof und das Handtuch mußte im "Berro" immer griffbereit sein.

Mittags mußte er seine "Ruhschdonn" halten, da gab es nichts anderes. "Dann is de halwe Dach nemme so lang !", sagte er immer. Onkel Robert war ein frommer Mensch und jeden Sonntag, wenn es irgend ging, besuchte er den Gottesdienst in Altenkirchen. So ein Kirchgang war aber immer mit größeren Vorbereitungen verbunden.

Wir badeten alle Samstagsabends in der großen hölzernen Waschbütte. Im Sommer im Stall, in dem breiten Gang. Es wurden alte Tücher ausgelegt und dann die Waschbütte mit heißem Wasser gefüllt, das wir im Kessel in der Backküche erhitzt hatten. Handtücher, Seife und Bürste lagen immer bereit. Nur Onkel Robert hatte Samstags abends keine Zeit um zu Baden, er mußte ja in Zengleins Wirtschaft gehen zum Biertrinken und so war bei ihm der Sonntagmorgen der große Waschtag. Ich mußte nun die Gehilfin spielen. Die Waschschüssel kam auf einen Stuhl in der Mitte von Roberts Zimmer. Er nahm keinen Waschlappen und das Wasser spritzte umher. Auch ein Eimer stand bereit um die Füße darin zu waschen. Dann kam meist der Befehl: "Liesel, geh in die Werkstatt on hool die Baamscheer !" Ich weiß noch, daß ich das erstemal gestutzt habe, was er nun damit wollte. Nun, die Zehennägel waren so hart, daß eine normale Schere nichts mehr ausrichten konnte und da mußte halt die Baumschere ran. Nach diesem Bad besonderer Art legte ich die Wäsche bereit, den Sonntagsanzug und die Sonntagsschuhe. Dann holte ich aus Urgroßvaters Schreibtisch mit seinen vielen kleinen Gefächern das Schnurrbartbürstchen und brachte Onkel Roberts schönen schwarzen Schnurrbart und Lippenbart in Ordnung. Die Krawatte - eine schwarze, passend zum schwarzen Anzug- band ich vorschriftsmäßig. Ein weißes Taschentuch gehörte unbedingt dazu, das durfte ich nie vergessen, denn Onkel Robert war ein stolzer Herr. Wenn er dann auf dem Weg in die Kirche nach Altenkirchen war, nahm ich Eimer und Aufwaschlappen und trocknete die Überschwemmung auf dem Holzboden auf.

Onkel Robert war in vielen Dingen sehr geschickt und konnte uns vieles selber "bosseln" und flicken, wofür andere einen Handwerker holen mußten. Er hielt auch viel auf den Bauernstand und die alten Traditionen. Ich weiß noch, daß wir anfangs der 50er Jahre an unserem Haus das Dach neu decken mußten. Auf dem Speicher standen noch die alten Geräte von der Flachsverarbeitung her, Brechen, Schwingen und Hecheln. Sie waren aber schon so milbig und wurmstichig, daß man beim Anfassen nur noch die Holzteile in der Hand hatte. Darum warfen wir alles hinunter in den Hof. Robert hat sich darüber sehr aufgeregt, er schimpfte, wie wir diese Sachen wegwerfen könnten, mit denen die Eltern so lange gearbeitet hatten. Sie waren aber nicht mehr zu retten und er hat sich ja vorher auch nicht groß darum gekümmert.

Onkel Robert war auch sehr um uns Kinder besorgt, wenn ich so zurückdenke, hat er uns, glaube ich, ziemlich verwöhnt. Schon als wir noch ganz klein waren, hat er uns Märchen erzählt, die endeten immer mit dem Spruch: "Es Märche is aus, dort droowe laaft die Maus, wann' se fangscht, machschd der e Belzkapp draus!" Aber er hatte manchmal auch nicht soviel Geduld. Dann hatte er immer einen kurzen Spruch parat: "Es war emool e Mann on e Fraa on e klääner Buub, die gingen nach Sankt Jakob zu, und als sie nach Sankt Jakob kamen, doo war's e Mann on e Fraa on e klääner Buub!" Das war uns natürlich zu einfach, und wenn er nur mit Sankt Jakob kam, fingen wir schon an zu betteln: "Nedd Sankt Jakob zu!".

Ich weiß noch, als ich 13 Jahre alt war, bekam ich am ersten Weihnachtstag die Masern. Robert guckte im Lexikon nach, was dagegen zu tun war. Er las, daß man Glut in der Stube hin und hertragen sollte und das hat er dann auch getan. Was er für uns Kinder tun konnte, war ihm nicht zu viel. Nun konnte ich keine "Gutsjer", kein Weihnachtsgebäck essen und Robert versprach, mir davon aufzuheben. Er sperrte die Plätzchen in der Schublade seines Pults ein, damit meine Brüder sie nicht fanden. Als ich sie später essen wollte, waren sie nicht mehr zu genießen. Robert hatte übersehen, daß daneben das Gift Uspulun stand, das wir zum Beizen von Saatweizen benutzten. Meine Enttäuschung war groß, ich hatte mich so auf das Gebäck gefreut und Robert tat es auch leid, aber da war nichts mehr zu machen.

Robert ist 79 Jahre alt geworden. Zuletzt hatte er Magenkrebs und Mutter mußte ihm oft den bitteren "Elschtee" kochen. Er hatte aber einen leichten Tod und war nur ein paar Tage bettlägerig. Am 21.März 1954 ist er dann in seiner Stube in seinem Elternhaus in Frohnhofen gestorben.



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